Die Amerikaner....
Ich glaube, es war 1958 .....ich weiß es nicht mehr so genau. Meine Mutter hat uns über die Zeit in den Lagern so oft angelogen, das ich mir nicht mehr so sicher bin, wann wir wo waren. Ich weiß: Marienfelde, Lichtenrade ( beides Berlin ), ausgeflogen nach Hannover, von dort in den Schwarzwald, dann nach Ulm, nach Crailsheim ---und zuletzt in die Nähe von Stuttgart. Aber wann wir in den Lagern waren?? Das wissen die Götter. Und meine Mutter---und die hat ihr Wissen mit in's Grab genommen.
Aber das ist nun egal.
Auf jeden Fall waren wir in Ulm im Flüchtlingslager *Sedankaserne.*
Nach dem *Tausendjährigen Reich* wurden in dem Lager Juden untergebracht, die die KZ's überlebt hatten. Dort warteten sie auf ihre Weiterreise
nach Israel --das es damals noch nicht in der Form, wie es heute ist, gab. Ich glaube, damals hieß es noch Palästina....oder sie wollten sonst wohin in der Welt...nur weg aus Deutschland.
Nun waren wir DDR-Flüchtlinge im Lager--
Aber ich will eigentlich über das Weihnachtsfest im Lager schreiben.
Am Nikolaustag herrschte das Chaos . Alles lief durcheinander, jeder gab jedem Anweisungen, die keiner befolgte. Zwischendrin wir Kinder, die wissen wollten was los war. Fragen wurden mit * Wirste schon sehn* beantwortet und so harrten wir der Dinge, die kommen sollten.
Am späten Nachmittag ein lautes Donnern , man meinte die Erde bebte und dann erschien über dem Dach des Verwaltungsgebäudes ein riesiger Hubschrauber. Der dann auf dem großen freien Platz mitten im Lager landete.
Eine Tür wurde geöffnet, eine Leiter wurde angelegt und dann stieg der Nikolaus aus der Maschine. Es wurde viel palavert, Beifall geklatscht und dann wurden Weihnachtslieder , die aus dem Habschrauber entladen wurden. Endlich war das ganze Brimboruium vorbei und die Säcke wurden an die Kinder verteilt. Man musste zum Nikolaus, der irgendwas sagte-- was ich nicht verstand---und mir den Sack gab. Ich schappte mir diesen und flitzte los in mein Geheimversteck, das ich mir im Keller eines Hauses eingerichtet hatte. Dann wurde der Sack ausgepackt. Spielzeug, Süßigkeiten, Pullover und sonstige Kleidung. Und ein Paar Schuhe. Die Sachen hatten die Ami's in ihrer Kaserne gesammelt. Alles wurde anprobiert, zwischenduch das Spielzeug begutachtet und die Süßigkeiten genascht. Die Schuhe zog ich auch an. Aber irgendwie sahen die seltsam aus. Die reichten mir fast bis zu den Knien und hatten ganz viele Ösen zum zuschnüren. Und als ich aufstand wackelte ich in den Schuhen rum. Irgendwie war ich ein Stück größer geworden. Das lag wohl an den hohen Absätzen. Ich nahm mein gemopstes Hackebeil und hackte die Absätze ab. War aber auch nicht so gut, denn nun zeigten meine Zehen gen Himmel. Die Schuhe?? ich weiß nicht mehr, was aus ihnen geworden ist.
Das Weihnachtsfest war nicht schlecht. Es gab ein extra gutes Essen aus den Lagerküche -(Kartoffelsalat und Würstchen) und eine Orange.
Am ersten Weihnachtsfeiertag kam ein großer Ami-Bus ( oder waren es mehr? ), lud die Kinder ein ( und ein paar Erwachsene ) und man fuhr in die Kaserne. Ein riesengroßer Saal, weißgedeckte Tische, Vasen mit Tannenzweigen und sonstiger Weihnachtsschmuck,
Wir setzten uns und schon ging es los: Jeder bekam ein großes Tablett mit --irgendwie waren da so *Abteilungen* drauf--- Kartoffelbrei, Gemüse und ein großes Stück Geflügel. Da ich immer Hunger hatte stopfte ich alles in Rekordzeit in mich rein. Und soff wie ein Gaul--es war Coca -Cola, das ich bis dahin nicht kannte. Mein Bauch wurde immer dicker und ich merkete, dass das Essen sich von mir verabschieden wollte.
Hilfesuchend wandte ich mich an meine Schwester, die mich zu der Toilette zerrte. Ich gab all die Herrlichkeiten von mir--die ich mir erst mühevoll einverleibt hatte. Danach ging es mir besser und ich setzte mich an meinen Platz. Es wurden Torten gebracht, in allen erdenklichen Farben. Sogar Goldene und Silberne waren dabei. Ich stopfte von dem süßen Zeug in mich rein, bis mich meine Schwester in die Rippen boxte und warnend die Faust zeigte...die doofe Kuh.
Dann wurden wieder Geschenke verteilt. Ich bekam eine Holzschachtel voll mit Schokoladestückchen, die schön mit weißen Punkten verziert waren. Später im Bus wollte ich so ein Schokostückchen essen und biss mir fast einen Zahn raus. Die Schokolade war gar keine, es war ein Dominospiel, wie mir meine besserwisserische doofe Schwester erklärte.
Als wir in die Busse einstiegen, ging es sehr lustig zu. Die uns begleiteten Männer hatten sich sehr an den ihnen angebotenen Whisky gehalten und krochen auf allen Vieren zu den Bussen. Unterwegs verloren sie die Zigaretten und Zigarren die sie sich in die Taschen gesteckt hatten.
Aber ich denke, auch sie dachten später des öfteren, was es doch für eine schöne Weihnachtsfeier gewesen ist.
© Hippie