Die alte Straße

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    Die alte Straße....


    Ich war lange nicht mehr hier. Alles hat sich verändert.

    Ich stehe am Ausgang des Stadtparkes und schaue hinüber zum alten Feuerwehrhaus. Oben am Dachgiebel prangt immer noch das herrliche Segelschiff, dass als Zeichen der Handelsschule angebracht wurde, die sich früher im Obergeschoss befand. Wie oft bin ich die Straße hinunter gestrolcht und habe hochgeschaut zu dem Schiff und

    mir ausgemalt: Wenn ich groß bin, fahre ich auf so einem Schiff um die Welt.

    Nun sind viele Jahre verstrichen. Ich habe viel erlebt und gesehen. War an vielen Orten, aber mit einem Schiff um die Welt?? Nein, das habe ich nicht gemacht.

    Ich gehe ein Stück weiter und sehe vor mir das *Wolfstor*.

    Der Volksmund nennt es schon immer so. Obwohl die verwitterten Figuren über der Tordurchfahrt *Staufische Löwen* sind. Ein paar Schritte durch das Tor, und dann stehe auf der alten Straße.

    Alte Straße? Nein, die ist weg! Diese alte wunderschöne Straße gibt es nicht mehr.

    Oder doch, es gibt sie noch. Nur größer und breiter. Dafür hat man

    Stück des alten Parks gestohlen und rechts, die alte Häuserreihe, einfach weg! Abgerissen!

    Gegenüber der alten Feuerwehr ist jetzt eine Technikerhochschule.

    Ein hässlicher Betonklotz. Davor eine schmuddelige Bushaltstelle. Ich setzte mich auf ein Mäuerchen und wartete auf den Bus. Ich sah die Straße entlang und erinnerte mich, wie es früher hier aussah.

    Und so nach und nach fielen sie mir ein, die Menschen, die früher

    hier lebten. Die alte Dame mit ihrem Tante-Emma –Laden. Bei der ich hin und wieder einen der Äpfel stibitzte, die in einer Kiste vor dem Laden lagen. Der alte Schuster, der meine Mutter überredete, für ihn

    in der Flüchtlingssiedlung eine Schuhreparaturannahmestelle zu betreiben.

    Aber bald löste sich die *Geschäftsverbindung* wieder auf. Meine Mutter hatte das Reparaturgeld einkassiert und für sich ausgegeben.

    Und da, wo jetzt ein hässlicher Klotz mit Büros steht, da war er damals, der kleine Laden!

    *Bücherantiquariat* stand auf einen Holzschild, das über der Eingangstür hing.

    Im Schaufenster hing ein Schild: An –und Verkauf von Büchern und Zeichentrickheften. (so sagte man damals zu den Comics)

    Und ich hatte gehört: Man konnte dort tauschen!

    Zwei oder drei Hefte gab man hin und dafür konnte man sich ein anderes nehmen. Wenn man verkaufte, bekam man für ein großes Heft 10 oder 20 Pfennig—je nach Zustand.

    Und für ein kleines Heft (die ältere Generation kennt die

    noch, sie waren etwa ein Drittel von einem großen Heft)

    bekam man 5 Pfennige.

    Für mich war es uninteressant. Ich hatte keine Hefte zum

    tauschen oder verkaufen. Und erst recht kein Geld welche zu kaufen

    Ich stand nur immer da, drückte mir die Nase an der Schaufensterscheibe platt und starrte sie an, die Hefte mit meinen Helden:

    Sigurd, Tarzan, Nick, der Weltraumfahrer, Tibor, Akim, Falk...und so viele andere Helden.

    Ich weiß nicht mehr, wie oft ich da stand.

    Irgendwann öffnete sich die Tür und da kam sie raus. Die Frau, die

    zusammen mit ihrem Mann den Laden betrieb. Ein winziges zierliches Wesen. Ich war damals klein und schmächtig und doch fast einen halben Kopf größer als sie.

    Sie lächelte mich an und fragte mich warum ich nicht herein käme.

    Ich stammelte von *keinem Geld, keine Zeit* und dann rannte ich weg. Ein paar Tage später stand ich wieder da und

    starrte in das Schaufenster. Die Tür ging auf und diesmal kam der Mann heraus.

    Groß ,spindeldürr und irgendwie furchteinflößend. So kam es mir

    wenigsten vor. Später begriff ich: Der furchteinflößende Blick rührte

    daher, weil er schlichtweg *blind wie ein Maulwurf* war

    und ohne seine dicke Brille nicht‘s sah.

    Er forderte mich auf in den Laden zu kommen und da ich eingeschüchtert war, kam ich der Aufforderung nach.

    Ab diesen Tag war ich ,,Stammgast“ bei ihnen, hatte im

    hinteren Raum ,,meine“ Ecke. Ein kleiner Tisch, ein Stuhl und neben mir der alte Bollerofen—der im Winter für herrliche Wärme sorgte.

    Ich blätterte in den Comics, nahm die Bücher der älteren *Helden* und begann zu buchstabieren. Lesen? Hatte ich eigentlich nicht gelernt, war wenig in der Schule. Ab und an klaute ich von meiner Mutter Groschenromane und *las* darin. Buchstabierte Wort für Wort und brauchte für einen Roman bestimmt Wochen.

    Die alte Frau sah mir zu und begann mir das Lesen beizubringen. Wenn sie erschöpft aufgab, weil ich etwas schwer von Begriff war, setzte sich ihr Mann zu mir und übernahm die Rolle des *Lehrers.

    Und irgendwann konnte ich sie endlich lesen! Die Comic-Abenteuer!

    Und dann waren die *Alten Helden * an der Reihe! Die *Klassiker*!!

    Robinson Crusoe, Lederstrumpf und der Mohikaner Chingachgoog, die Schatzinsel, Huckleberry Finn und all die anderen Abenteuer.

    Und eines Tages fragten sie mich nach der Schule. War ich sonst immer nachmittags im Laden aufgetaucht, begann ich damit schon morgens vor dem Laden zu stehen. Ungeduldig wartend, das endlich die Tür aufgeschlossen wurde. Nach einigen Tagen fragten sie, ob ich nicht in die Schule müsse. Und ich begann sie zu belügen, weil ich ja die Schule schwänzte. Irgendwann gingen mir die Lügen aus und ich ging nicht mehr zu ihnen. Begann, mich wieder herum zu treiben.

    Im darauffolgenden Frühjahr zogen wir dann in einen anderen Stadtteil und ich kam dann im Herbst in ein Kinderheim.

    Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Ich hatte alles vergessen oder vieles aus meiner Kindheit verdrängt.

    Aber heute, als ich auf der Bank saß und auf den Bus wartete, da

    fielen sie mir wieder ein. Die Menschen, die damals in der alten Straße lebten.

    Als ich im Heim war, hatten wir in der Schule auch das Thema *Juden im Dritten Reich*. Und da verstand ich nun die Wortfetzen, die ich damals aufschnappte wenn das alte Ehepaar leise miteinander sprach. Und verstand, warum sie mich so gut behandelten.

    Dieses alte Ehepaar, die Juden waren und die man in ein KZ brachte. Sie kamen mit dem Leben davon, aber ihre Kinder nicht.

    Ich bedaure nun, dass ich nicht früher an sie gedacht habe und sie besucht habe. Aber sie gingen unter im Strom des Lebens. Wie so vieles andere.

    Morgen werde ich zum alten Stadtfriedhof gehen. Ganz hinten im Eck sind die Gräber der Juden. Und ich werde einem alten Brauch folgen und einen kleinen Stein auf ihren Grabstein legen. Sie damit ehren und um ihnen zu zeigen: Ich war da, ich habe euch nicht vergessen.


    © Hippie

    Ich bin...ich weiß nicht wer
    Ich komme...ich weiß nicht woher
    Ich gehe...ich weiß nicht wohin
    Mich wundert, dass ich so fröhlich bin...


    ( Unbekannter Dichter, Mittelalter )


    Meine Lebensgeschichte unterliegt selbstverständlich, wie alle von mir eingebrachten Geschichten,


    meinem ( Hippie's ) Urheberrecht -- § 7 UrhG.

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